66 Jahre, 11 davon in der Martin Stiftung: Ein Gespräch mit Direktor Jürg Hofer.

Elf Jahre voller Erlebnisse und Veränderungen – und mit 66 Jahren noch voll im Berufsleben. In Zusammenhang mit diesen beiden Schnapszahlen spricht Direktor Jürg Hofer über seine schönsten Momente in der Martin Stiftung, das turbulente Jahr 2020, seine Ziele und wann er sich seine Pensionierung vorstellen kann.

Was sind die schönsten Momente, die du in den elf Jahren in der Martin Stiftung erlebt hast?

Es gab sehr viele schöne Momente. Spontan in den Sinn kommt mir das Jubiläumsjahr mit den Vorbereitungsarbeiten in der Projektgruppe, dem Symposium im Park Hyatt, den Theateraufführungen, dem zweitägigen Herbstfest und der Kunstausstellung.

Ein Meilenstein war auch die Erarbeitung des neuen, farbigen Erscheinungsbildes der Martin Stiftung im Jahr 2012. Die bunten Farbbalken und die Schreibweisen des Logos bringen die Vielfalt der Menschen der Martin Stiftung zum Ausdruck. Der Prozess hat die Identitätsbildung gestärkt.

Ein besonderes Projekt war auch die Integration vom Heim Rütibühl in die Martin Stiftung. Das Begrüssungsfest für die Bewohnerinnen und das Fachpersonal vom Rütibühl am 6. Januar 2016 war sehr bewegend. Alle Bewohnerinnen und Bewohner der Martin Stiftung und das Fachpersonal standen für die Frauen vom Rütibühl Spalier.

Du könntest jetzt ohne Sorgen dein Leben als Pensionär geniessen. Warum nicht?

Vor gut drei Jahren wurde mir bewusster, dass ich demnächst pensioniert würde. Ich fühlte mich aber fit und war noch voll im Schwung. Es standen viele spannende Projekte an: der Neubau Rütibühl, der Biohof in Wetzwil und die Zukunftspläne in Sachen Bindschädler. Es wäre komisch gewesen, mitten in dieser Entwicklung auszusteigen. Da habe ich mich mit dem Stiftungsrat darauf geeinigt, noch zwei bis drei Jahre anzuhängen. Jährlich prüfen wir, ob die Zusammenarbeit noch für alle passt. Bisher passt’s. Aber in zwei Jahren wird Schluss sein. Das wurde für mich in diesem Coronajahr deutlich.

Durch die Corona-Pandemie ist nun alles ganz anders als geplant. Hast du es bereut, verlängert zu haben?

Ob mit oder ohne Corona: Es ist immer vieles anders als geplant. Der Betrieb lebt und verändert sich ständig. Wenn du diese Arbeit machst, dann gibt es keine ruhige Zeit. Und so hat es in den letzten Jahren schon immer Phasen gegeben, die schwierig waren, wo ich mich müde fühlte, schlecht schlief. Aber die nächste Phase lässt oft nicht lange auf sich warten. Es wird wieder ruhig. Es gibt Erfolgsmeldungen, Aufsteller, wertvolle Entwicklungen, tolle Begegnungen, spannende Lernerfahrungen. Das gibt schnell wieder Kraft und Motivation. Was ich aber in diesem Corona-Jahr gemerkt habe, ist, dass ich dennoch nicht mehr der Jüngste bin. Ich muss mich erholen können, muss bewusster auch auf mich aufpassen und vor allem brauche ich genügend Schlaf.

Das Jahr 2020 ist nicht nur stark von Corona geprägt, sondern es entsteht auch eine neue Organisationsstruktur in der Martin Stiftung.

Ja genau, wir arbeiten nicht nur an einer neuen Organisationsstruktur, sondern auch an einem neuen agogischen Konzept. Dass es uns gelingt, trotz Corona intensiv an der Zukunft der Martin Stiftung zu arbeiten, macht mich stolz. In der Entwicklungsgruppe, die an der neuen Organisationsstruktur arbeitet, setzen wir uns auch intensiv damit auseinander, was Führung heisst.

Was bedeutet Führung für dich als Direktor?

In meiner Rolle als Direktor bedeutet Führung, den Dampfer Martin Stiftung auf Kurs zu halten, dass alle in die gleiche Richtung steuern. Mit dem Drei-Jahresplan mit seinen Zielen haben wir dazu ein gutes Steuerungsinstrument.

Zur Führung gehört aber auch, immer wieder zu beruhigen und Gelassenheit einzufordern. In der Martin Stiftung haben wir das Glück, wahnsinnig viele engagierte Leute zum Fachteam zählen zu dürfen. Manchmal sehen sie aber wegen der alltäglichen Schwierigkeiten gar nicht mehr, dass vieles gut läuft. Meine Aufgabe ist es, daran zu erinnern und zu sagen: Übertreibt es nicht mit dem Engagement, wir machen eins nach dem anderen.

Die Martin Stiftung ist ein komplexes Gebilde, das niemand vollständig durchblickt, auch der Direktor nicht. Im Alltag gilt es deshalb, sehr wach zu sein, Themen schnell zu bearbeiten und zu beantworten, Leute zu unterstützen, Vertrauen zu schenken und – das ist eher unangenehm – auch schwierige Themen auf den Tisch zu legen, sogar die Notbremse zu ziehen, damit wir auf Kurs bleiben.

Du arbeitest sehr viel. Für welche Hobbys nimmst du dir Zeit?

Wenn ich nicht arbeite, nehme ich mir Zeit zum Ausspannen, Zeit um einfach zu sein. Spektakuläre Hobbys habe ich nicht. Aber ich gehe gerne spazieren und lese. In den letzten Jahren gehe ich regelmässig ins Fitness-Training – aber wegen dem blöden Coronavirus leider gerade nicht.

Welche Projekte wünschst du dir noch abzuschliessen?

Ich wünsche mir, dass bald eine zukunftsfähige neue Organisationsstruktur steht und umgesetzt wird. Auf dieser Basis kann der Stiftungsrat dann im Herbst 2021 die Suche nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin starten. Beim Projekt Rütibühl hoffe ich, dass es weiter so gut läuft wie bisher und ein lässiger Neubau entsteht. 2023 sollen die Bewohnerinnen einziehen. Beim Projekt für die Gebäude vom Bindschädler möchte ich in den nächsten zwei Jahren noch die Grundlagen erarbeiten und in die Wege leiten. Zum Abschluss gehört auch dazu, dass ich mich allmählich aus gewissen Prozessen zurückziehe und den Platz anderen überlasse.

Projekt Rütibühl

Die Pläne zum Neubau Rütibühl wurden im Interview vielfach erwähnt. Was dort genau geplant wird: Bis zum Jahr 2023 entstehen mehrere Gebäude oberhalb von Herrliberg am Waldrand. 32 Menschen mit besonderen Bedürfnissen werden hier Wohn- und Tagesstrukturplätze finden. Damit gemeint sind Menschen mit Autismus und herausforderndem Verhalten sowie Menschen mit Behinderung und Demenz.

Bilder: Torvioll Jashari, Rosmarie Zurbuchen