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In der Martin Stiftung schreiben Menschen mit Behinderung für Menschen mit Behinderung. So wird die Hauszeitung Mehrsicht von allen verstanden und die Inhalte sind relevant für die Zielgruppe. Das Redaktionsprojekt ist in der Schweiz aus mehreren Gründen einzigartig.

Wie war die Kundgebung zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen auf dem Helvetiaplatz?

Funktioniert das Sunflower-Lanyard bei der Zugreise?

Was hat der Martins-Rat der Bewohnerinnen und Bewohner zuletzt entschieden?

1. Inklusives Redaktionsteam

Sechs Bewohnerinnen und Bewohner der Martin Stiftung sind Teil der gemischten Redaktionsgruppe Mehrsicht. Mit Heft und Stift oder iPads nehmen sie an den Sitzungen teil, an 15 Vormittagen im Jahr. Sie schreiben Texte, machen Bilder und besprechen neue Themen. Zum Schluss wird der Redaktionsplan an der Pinnwand begutachtet. Was fehlt noch für die nächste Ausgabe? Fünf Mal im Jahr erscheint die Hauszeitung Mehrsicht, mit einer Print-Auflage von 110 Exemplaren und als digitale Version.

Das war nicht immer so: In der Martin Stiftung leben und arbeiten 170 Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung. Bis 2017 war die Hauszeitung in «schwerer Sprache» verfasst mit Artikeln von und für die Fachpersonen. Zum 125-Jahr-Jubiläum der Martin Stiftung wurde eine Reihe inklusiver Projekte ins Leben gerufen. Eines davon ist eine Hauszeitung mit und für die Bewohnerinnen und Bewohner, ganz im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK).

Die Ziele der Mehrsicht

  • Teilhabe und Mitsprache im Sinne der UN-BRK innerhalb der Organisation zu ermöglichen
  • durch leicht verständliche Texte und ein klar strukturiertes Layout gemäss den Regeln der Leichten Sprache möglichst viele Bewohnerinnen und Bewohner erreichen
  • die Redaktionsmitglieder mit Behinderung in Text und Sprache nach ihren Möglichkeiten aus- und weiterzubilden
  • mit unterschiedlichen Texten, welche das Leben und die Leute in der Martin Stiftung dokumentieren, die Verbindung und den Zusammenhalt innerhalb der Organisation fördern

2. Leichte Sprache

Leichte Sprache ist eine stark vereinfachte Form der Standardsprache mit kurzen Sätzen, einfachen Wörtern, klaren Aussagen und verständlicher Darstellung. Dadurch ist Leichte Sprache ein Hilfsmittel für Menschen mit geringen Lesekompetenzen und zugleich ein zentrales Instrument für Selbstbestimmung und Inklusion. Sie fördert die Teilhabe am Wohn- und Arbeitsalltag, indem sie Informationen zu Angeboten, Regeln und Veranstaltungen barrierefrei zugänglich macht.

Der Zugang zu verständlichen Texten ermöglicht es den Menschen in der Stiftung, sich eine eigene Meinung zu bilden, aktiver mitzureden und Entscheidungen eigenständig zu treffen. Alle Ausgaben der Mehrsicht erscheinen in Leichter Sprache. Auch die grafische Gestaltung  orientiert sich an den Empfehlungen für Barrierefreiheit. Dadurch ist die Mehrsicht nicht nur ein wichtiges Teilhabeprojekt, sondern ein zentrales Element der internen Kommunikation.

Darum ist mir Leichte Sprache wichtig

Victor Kästle ist Mitglied der Mehrsicht-Redaktion. Er schreibt über Leichte Sprache:

Für die Mehrsicht schreibe ich

Texte in Leichter Sprache.

Das hat einen Grund.

Nicht alle Menschen

können Zeitung lesen und verstehen.

Zeitungen sind oft schwierig geschrieben.

Das finde ich auch nicht so schlimm.

Hauptsache, es gibt auch Zeitungen

in Leichter Sprache.

 

Manchmal werden Menschen mit Handicap

aber ausgelacht und runtergemacht.

Nur weil sie nicht lesen können.

Das finde ich das Letzte.

Ich hasse die Einteilung in

Menschen 1. Klasse und Menschen 2. Klasse

Wir sind alle gleich viel wert!

Wir sind auch in die Schule gegangen.

Wir haben uns auch angestrengt

und gelernt.

Wir können einfach nicht gleich gut

lesen und verstehen.

 

Alle Menschen haben das Recht,

Zeitung zu lesen.

Alle Menschen haben auch das Recht,

eine Zeitung zu verstehen.

Deshalb finde ich Leichte Sprache so gut!

3. Gemeinsame Redaktionsarbeit

Für jede Ausgabe wählt die Redaktion gemeinsam ein Titelthema aus wie zum Beispiel Inklusion, Werbung oder Künstliche Intelligenz. Zu diesem Schwerpunkt wird recherchiert und ein Gruppengespräch geführt. Zu manchen Themen lädt die Redaktion auch externe Interviewpartner. Raphael Sandoz-Mey wurde zu seinem Engagement für die Kundgebung für Menschen mit Behinderung befragt, eine Erlenbacher Pfarrerin zum Thema Hochzeit. Zusätzlich schreibt jedes Redaktionsmitglied die eigenen Gedanken zu dem jeweiligen Titelthema in einem Einzeltext auf.

Die Mehrsicht hat unter anderem diese Rubriken:

  • Wer kommt, wer geht
  • Herzlichen Glückwunsch
  • 3 Fragen an …
  • News
  • Erlebnisse
  • Marktplatz
  • Termine
  • Wettbewerb
  • Ein Rätsel gestaltet von den Ateliergruppen

Zu diesen Rubriken sind alle Menschen in der Martin Stiftung eingeladen, mitzuschreiben und ihre Beiträge einzusenden. Alle Texte werden gemäss den Regeln für Leichte Sprache redigiert und gestaltet.

Die elektronischen Ausgaben der Mehrsicht sind aus Datenschutzgründen passwortgeschützt.
Nur Angehörige, Beistände und Fachpersonen der Martin Stiftung erhalten auf Wunsch die Zugangsdaten.

4. Förderung von Medienkompetenz

Die Mitglieder der Mehrsicht-Redaktion bringen schon viele Kenntnisse mit:

  • Du kannst lesen
  • Du verstehst, was du liest
  • Du hast eine Idee und kannst die Idee aufschreiben
  • Du kannst mit Stift oder iPad schreiben
  • Du schreibst auch zuhause an deinem Text
  • Du hast Freude am Austausch mit anderen Menschen
  • Du hörst gerne anderen Menschen zu
  • Du bist neugierig
  • Du respektierst andere Meinungen

Durch die Einzelförderung während jeder Sitzung, können die Redaktionsmitglieder ihre Fähigkeiten weiterentwickeln. Sie lernen, Interviews zu führen, selbstständig passende Fotos zu machen, Themen zu recherchieren, gute Einstiegssätze zu verfassen und digitale Hilfsmittel einzusetzen.

Auch dank dieser Förderung hat sich die Mehrsicht weiterentwickelt. So interessiert sich ein Mitglied sehr für Tiere und Naturphänomene. Seitdem gibt es die Rubrik «Was ich schon immer wissen wollte über…». Eine andere Person interessiert sich für die Kunst, die in den Ateliergruppen der Martin Stiftung entsteht. Eine neue Rubrik zeigt ein Bild. Ein Bewohner oder eine Bewohnerin erzählt dazu, was sie sieht und welche Gedanken sie dazu hat.

Die Mitglieder der Mehrsicht-Redaktion

Redaktionsleitung: Miriam Eckert

Redaktion: Silvio Furler, Victor Kästle, Yvonne Obrist, Pascal Rüegg, Ursi Singer, Gabriela Sulzer, Kathia Tschan

Grafik: Oola Text und Grafik, Yvonne Ammann

Die Mehrsicht unterstützen

Die Kosten für Redaktionsarbeit und die Produktion der gedruckten Ausgabe werden durch externe Spenden finanziert. Wir danken an dieser Stelle herzlich der Manawa Stiftung für die langjährige Unterstützung und der Ines Häupli Stiftung, die dieses Jahr finanziert. Wenn Sie Interesse haben, das Mehrsicht-Projekt in Zukunft zu fördern, schreiben Sie der Mehrsicht-Redaktion.

Für die Mehrsicht spenden

Mehrsicht-Redaktion

Sie haben ein Feedback oder eine Idee für die Redaktionsgruppe? Dann schreiben Sie uns gerne.

Die Mehrsicht-Gruppe trifft sich 15 Mal im Jahr und wird sich bei Ihnen melden.

Sie erreichen uns am besten über die Mail unserer Redaktion.

Der Mehrsicht schreiben

Autorin: Miriam Eckert
Fotos: zVg