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In der Martin Stiftung leben und arbeiten viele Kunstschaffende. Sie alle sind Autodidakten mit einer unverkennbaren Bildsprache, sie alle haben etwas zu erzählen. Ihre Werke sind Art brut.

Was ist Art Brut?

«Die echte Kunst ist stets dort, wo man sie nicht erwartet. Wo niemand an sie denkt, noch ihren Namen nennt.» Das sagte der französische Künstler Jean Dubuffet. Mitte der 1940er Jahre war er auf der Suche nach einer neuen, freien Kunst, fernab von Konzepten, Druck und Konventionen, einer wie er hoffte «unverbildeten Kunst.» Und er wurde fündig – in Gefängnissen, in psychiatrischen Kliniken, in sozialen Einrichtungen für Menschen mit Behinderung.

Hier malten Autodidakten, die sich nie mit der Kunstgeschichte oder dem Kunstbetrieb beschäftigt hatten. Ihre Werke entstanden impulsiv, spontan und frei als direkter Ausdruck ihrer Lebenswelten.

Wo wird Art brut ausgestellt?

Mit seiner Definition von Kunst stellte Jean Dubuffet den damals herrschenden Kunstbegriff radikal auf den Kopf. 1947 gründete er in Paris das Foyer de l’Art brut in Paris und später die Compagnie de l’Art brut. Dieser gehörte unter anderem auch der Dichter und Surrealist André Breton an.

In der Schweiz gibt es zwei wichtige Ausstellungsorte für Art Brut:

    1. Die Collection de l’Art Brut Lausanne zählt rund 70.000 Werke, die in Dauer- und Wechselausstellungen gezeigt werden.
    2. Später, im Jahr 1988, wurde die Stiftung für schweizerische naive Kunst und Art brut gegründet. Ihre Ausstellungen finden im Museum im Lagerhaus in St. Gallen statt.

Ein weiterer interessanter Ausstellungsort für Art Brut ist das Museum Gugging bei Wien in Österreich.

Art brut aus der Martin Stiftung

Auch in der Martin Stiftung wäre Jean Dubuffet fündig geworden. In der Martin Stiftung leben rund 170 Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, viele von Ihnen arbeiten kreativ  in den Ateliers. Hier wird ohne Leistungs- oder Zeitdruck mit Ton, Holz und Textilien gearbeitet, gemalt, gezeichnet und gewebt.

Mancher Bewohner, der nie vorher den Stift in die Hand genommen hat, kam hier zum Malen. Einer von ihnen ist Herbert Brändle. Der 80-Jährige wohnt seit 66 Jahren in der Martin Stiftung und hat seine ganz eigene Bildsprache rund um sein Lieblingsmotiv entwickelt.

Herbert Brändle: Art brut-Künstler im Porträt

Herbert Brändle mit seinem Markenzeichen, der Pfeife.

Zuerst kommt der Grundriss, die Mauern, das Dach. Sind Fenster, Türen und Fassade fertig, malt Herbert Brändli den Umschwung des Hauses. Erst dann zieht er die Konturen der Landschaft, den Horizont. Vorzeichnen ist überhaupt nicht seine Sache. Er malt langsam, aber stetig. Kleine, quadratische Formate sind ihm am liebsten. Seine schlanke Hand mit den knöchrigen Fingern hält den Stift fest und lässt ihm doch Schwung für die Linien. Denn diese sind Herbert Brändlis Markenzeichen. Einfarbige Linien. Nebeneinander gereiht ergeben sie ein schimmernd leuchtendes, buntes Ganzes.

Der Häuser-Maler von Erlenbach

Und noch etwas prägt seine Kunst: Häuser. Häuser, in denen er schon gewohnt hat – und das sind viele. Oder in denen er gerne wohnen möchte. «Hier ist ein Bauernhaus», erklärt Brändli und zeigt auf eines seiner Bilder. Neben dem Bauernhaus steht eine Scheune. Durch den Querschnitt ist das Innere zu sehen. «Oben sind Heu- und Strohballen. Unten gehen die Kühe essen», erläutert er. Durch ein Loch in der Decke werden die Ballen hinunter in den Stall geworfen.

Vom Appenzell zur Martin Stiftung

Sein ganzes Leben hat Herbert Brändli in der Landwirtschaft gearbeitet. Mit 14 Jahren kam er in die Martin Stiftung und wohnte zunächst im Gründerhaus Mariahalde in einer Wohngruppe. Er half bei der Landwirtschaft der Stiftung mit und beim Nachbarn Herrn Roth. «Der hatte einen guten Traktor und ich durfte ihn fahren. Ich war ein sehr guter Traktorfahrer», erinnert er sich. «Einmal wurden
dort drei Schweine geschlachtet. Seitdem bin ich Vegetarier.»

Seit 66 Jahren lebt Herbert Brändli in der Martin Stiftung und zählt damit zu den langjährigsten Bewohnern. Seit 15 Jahren ist der 80-Jährige pensioniert. Seitdem verbringt er seine Tage in den Ateliers der Martin Stiftung. Hier kam er auch zum Malen. Am liebsten ganz früh am Morgen, wenn noch niemand von den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern da ist. «Um acht Uhr bin ich schon da», erzählt er mit einem Lachen

Design auf Papier, Tassen und Stein

Markenzeichen: Pfeife

Herbert ist Frühaufsteher und liebt Rituale. Jeden Morgen um sechs Uhr sitzt er auf der Terrasse seiner Senioren-Wohngruppe. Dort raucht er auf einem urchigen Jass-Holzbänkli seine erste Pfeife. Diese ist sein Markenzeichen. Genau wie sein Bart und sein Jackett, in dessen Tasche auf der Innenseite die Pfeife ihren festen Platz hat. Das Hemd trägt er in der Hose und diese zieht er mit seinem Appenzeller Gürtel sehr fest um seine dünne Taille.

Dass es ein Appenzeller Gürtel ist, ist kein Zufall. Herbert Brändli wurde in Urnäsch geboren. Schon früh gaben ihn die Eltern ab. Über Wetzikon, Regensberg, Brütten und Wädenswil kam er als Jugendlicher zur Martin Stiftung. Aber die Liebe zum Appenzell und den Bergen ist ihm geblieben. Diese malt er oft. Ausserdem hat er noch einen Traum: Er möchte in einer Volksmusik-Gruppe die Klarinette spielen. «Üben muss ich dafür. Aber das mache ich gerne», sagt er.

Motive und Malstil

In seinen ersten Bildern sind oft ein Zug oder ein Postauto zu sehen, mit denen er die Schweiz erkundet hat. Herbert malt die verschiedenen Heime, in denen er gelebt hat, wie auch Ferienhäuser. Über die Jahre sind die Motive weniger geworden, die Farbflächen kleiner, die nebeneinander gezogenen farbigen Linien zahlreicher. Die aktuellen Bilder mit den Häusern schimmern und scheinen mit ihrer Umgebung zu verschmelzen. Dies ist auch seinen aktuellen Lieblingsstiften zu verdanken, den farbigen Gelstiften mit Glitzer.

Mit viel Geduld zieht Herbert Brändli eine Linie nach der anderen. Nicht zu fest drücken darf man, «sonst gibts ein Loch im Papier», weiss er. Beim Malen spricht er nicht, er ist voll konzentriert. Gerne wäre er Architekt geworden, erzählt er. Aber jetzt male er Häuser. Eine Woche Zeit benötigt er, bis eine Karte im A5-Format fertiggestellt ist. Diese verkauft er im Quartierladen der Stiftung Zum Feinen Martin oder bei den Ausstellungen der Ateliers der Martin Stiftung.

Ateliers der Martin Stiftung

Ob Textilatelier, Holz-, Jugend- oder Erlebnisatelier: in dem nicht leistungsorientierten Bereich finden auch schwächere Mitarbeiter ein passendes Angebot. Hier entstehen fantasievolle Produkte und Unikate, werden Tiere auf dem Biohof gepflegt und Ausflüge unternommen.

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Miriam Eckert, Kommunikation, hat Antworten:

Martin Stiftung
Im Bindschädler 10
8703 Erlenbach
Telefon 043 277 43 22

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Bilder: Miriam Eckert, Torvioll Jashari